Stolz und bockig

Überzeugend: die Uraufführung von Holger Böhmes „Bauland“ auf dem Theaterkahn

Von Christian Ruf, Dresdner Neueste Nachrichten vom 08. September 2015 | Beitrag als ePaper

„Ihr schimpft doch auch immer auf die Zone!“, meint der junge Benny, aber sein Vater, der 1986 aus der DDR sogar geflüchtet ist, wie auch sein ständig über die Russen und die SED-Bonzen jammernder Großvater sind sich ausnahmsweise mal einig und verkünden unisono: „Aber doch nicht so!“ Wie das eben so ist: „Quod licet Iovi, non licet bovi.“

Drei Männer – Großvater, Vater, Enkel -, die wenig bis nichts verbindet, außer der Umstand, dass sie zur gleichen Familie gehören, haben sich im Familienbetrieb, einer Autowerkstatt, die noch den versifften Charme des sozialistischen PGH-Betriebs atmet (Bühnenbild: Carsten Nüssler), eingefunden. Da der Patriarch Geburtstag hat, will man eigentlich eine Art Burgfrieden einhalten, aber schon zofft man sich. Und zwar heftig. Mag der Senior-Chef auch mal kurz behaupten, „in der Familie muss über alles gesprochen werden dürfen“, so stellt sich rasch heraus, dass zwischen diesen drei Männern vieles besser nicht gesagt wird, weil sonst das Tischtuch zwischen ihnen endgültig zerschnitten sein könnte. Das ist die Grundkonstellation von Holger Böhmes Stück „Bauland“, das auf einer Idee von Friedrich-Wilhelm Junge beruht und nun von Böhme mit viel Gespür für laute wie leise Momente auf dem Theaterkahn in Szene gesetzt wurde. Beworben wird das Werk als Komödie, was auch stimmt, aber es ist eine, der das Attribut „bitterböse“ bescheinigt werden kann, ja muss.

Titelgebend ist ein Stück Land, das erst Grünfläche ist, dank des Strippenziehens durch den Vater aber vom Stadtrat zum Bauland erklärt wird. Sehr zum Verdruss des Enkels, der, nachdem er sein Soziologiestudium geschmissen hat, jetzt Stadtverordneter bei den Grünen ist, obwohl er die als „Schwachköpfe“ empfindet. Thomas will sich auf diesem Land den Traum eines neuen Betriebes aus Glas, Stahl und Sichtbeton verwirklichen, denn für ihn steht fest, dass die Werkstatt den Bach runtergeht, wenn man in der Marktwirtschaft nicht mehr konkurrenzfähig ist. Das sieht Benjamin, der sich einen „Dachschaden anstudiert“ hat, wie der Großvater zu wissen glaubt, anders.

Friedrich-Wilhelm Junge spielt diesen verbitterten Großvater, Thomas Stecher dessen nicht minder verbitterten Sohn Thomas, und Robert Seiler verkörpert den idealistischen, aber naiven Benjamin. Hingerissen verfolgt man, wie diese drei Sturschädel sich gegenseitig belauern, beargwöhnen, beschimpfen, missverstehen, in die Wolle kriegen. Wechselweise kommt es wie aus dem Nichts zu Bündnissen, die aber schneller zerfallen als derzeit der Wert des russischen Rubels. Immer wieder tritt einer der Akteure aus der Rolle heraus, erzählt im Licht stehend (während der Rest der Bühne im Dunkel liegt) Episoden aus seinem Leben, legt seine Sicht auf die komplexen Dinge dar. Und genau das sind die Momente, die besonders unter die Haut gehen. Zwar ist einem keiner der drei richtig sympathisch – sie können alle ziemliche Kotzbrocken sein und Vater Thomas blickt sogar mit einer gewissen Wonne auf den eigenen Zynismus -, aber zumindest in diesen Augenblicken versteht man, wie es kommen konnte, dass sie zu dem wurden, was sie sind.

Junge, Seiler und Stecher zeigen großartige schauspielerische Leistungen. Mögen sie auf der Bühne auch im Antagonismus pur verstrickt sein, untereinander harmonieren sie prächtig. Man kann wirklich nur hoffen, dass die drei noch in diversen anderen Stücken auf der Bühne agieren. Auch zwei Frauen sind präsent und spielen sogar eine entscheidende Rolle, treten aber nicht in Erscheinung. Etwa Thomas‘ Frau Griseldis, gegen die der Familienpatriarch jene Ressentiments hegt, wie sie im Osten oft gegenüber „Wessis“ pauschalierend gepflegt werden.

Verhandelt wird in dem Stück mehr als nur das Scheitern des Dialogs zwischen den Generationen, sondern auch diverse Lebenslügen, insbesondere im Umgang mit eigener wie fremder Vergangenheit, ob nun vor oder nach der Wende 1989/90. Die Dialoge treffen auf den Punkt genau, immer wieder wird in schwärenden Wunden gerührt, die das Leben, mehr aber noch die eigenen (Charakter-)Fehler schlugen.

Alle können sie einfach nicht aus ihrer Haut. Der Großvater etwa ist stolz auf seinen Sohn, kann es aber nicht zeigen und kann es halt doch nicht verwinden, dass der „eine aus dem Westen“ geheiratet hat. Die drei Männer, allesamt, auch der coole Enkel im T-Shirt, auf dem sinnigerweise „Killed By Friendly Fire“ steht, sind bockig wie stolz – eine gefährliche Konstellation, die verbrannte Erde in den zwischenmenschlichen Beziehungen hinterlassen kann, ja muss. Aber man Ende geht man gemeinsam essen. Wahrscheinlich ist was dran am Satz: „Blut ist dicker als Wasser.“

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Kampf der Generationen: Thomas Stecher, Robert Seiler und Friedrich-Wilhelm Junge (v.l.) tun sich schwer beim Verstehen. Foto: Carsten Nüssler